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Unsere Mütter, unsere Väter

Dürfen wir deutsche Soldaten und Kriegsgewinnler als Opfer darstellen? Darf eine Erzählung dem Grauen des Vernichtungskrieges ein menschliches Antlitz geben? Gibt es das überhaupt? Ein Dilemma.

Unsere Mütter unsere Väter
© ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Tom Schilling als Friedhelm, Kamera: David Slama

Der Dreiteiler
In den letzten Tagen lief im ZDF der hochgelobte 3-Teiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, der am Beispiel von fünf Freunden erzählt, wie Menschen im Krieg verrohen und ihre Leben und ihre Moral fast komplett zerstört werden. Zwei von ihnen kommen an die Ostfront. Brüder, der eine wandelt sich vom Pazifisten zum kaltblütigen Soldaten, der andere vom Vorzeigesoldaten zum Deserteur. Einer ist Jude, schafft es aus dem Transport ins KZ zu fliehen und landet bei polnischen Partisanen (die in dem Film als Judenhasser dargestellt werden!). Eine ist als Krankenschwester im Frontlazarett und wird am Ende des Krieges von den Russen vergewaltigt, aber schafft es zu überleben. Die fünfte im Bund ist eine erfolgreiche Sängerin im deutschen Reich und versucht mit ihren Beziehungen zu einem Sturmbannführer ihrem jüdischen Freund Papiere zu verschaffen. Das gelingt nicht, was sie aber nicht weiß. Am Ende wird ihr die Affäre zu ihrem Nazifreund zum Verhängnis, er steckt sie erst ins Gefängnis und schließlich wird sie in den allerletzten Kriegstagen an die Wand gestellt und erschossen.
Die drei Überlebenden treffen sich in der Schlusssequenz des Films in der Bar wieder, in der wir sie zu Beginn der Serie kennengelernt haben. Gezeichnet vom Krieg sind nicht nur ihre Körper und Gesichter, sondern auch ihre Freundschaft. Als kleiner schwacher Funke glitzert sie in dem Alkohol auf, mit dem die drei auf die beiden im Krieg gebliebenen anstossen.

Ich möchte nicht weiter auf die Qualität der Serie eingehen. Das haben andere ausführlich getan.

Was mich weitergucken lassen hat, waren ein allgemeines Interesse am Thema, die tolle schauspielerische Leistung von Tom Schilling und ein Mitgefühl für deutsche Kriegsschicksale, das ich mir bislang nicht zugestanden habe. Und an der Stelle beginnt das Dilemma.

Wie erzählen?
Wie können Deutsche vom Krieg erzählen?
Die deutsche Kriegsbestie, der kalte Massenmörder, die industrielle Vernichtung von Millionen von Juden, der größenwahnsinnige Angriffskrieg? Ja, davon dürfen wir nicht aufhören zu berichten.
Der einfache Wehrmachtssoldat, der Mitläufer, die Kriegsgewinnler, die Kulturschaffenden, die entweder weggesehen haben, oder nur deshalb Karriere im Dritten Reich machen konnten, weil sie eine Lücke auffüllten, die zuvor durch Berufsverbote oder Deportation gerissen wurde? Auch dies war und ist Thema vieler Erzählungen.
Jetzt drehte das ZDF einen Dreiteiler, in dem wir an der Seite von deutschen Männern und Frauen in den Krieg ziehen, wir erleben hautnah wie sich diese jungen Menschen verändern, wie ihre moralischen Grundwerte, ihre Erwartungen und Wünsche an das Leben, ihre Weltbilder zerstört werden. Sie werden zu Mördern, zu Mitläufern, sie kämpfen mit allen Mitteln um das nackte Überleben. Und in all dem blitzen immer wieder die Menschen auf, die sie waren, bevor sie in den Krieg zogen, Junge Leute mit allen Facetten des Menschlichseins. Sie zeigen Mitgefühl und wecken damit unseres. Sie leiden an ihrer eigenen Verrohung und werden dadurch zum Opfer.

Das Dilemma
Dürfen die das?
Dürfen deutsche Wehrmachtssoldaten und Mitglieder der Waffen-SS als Opfer gezeigt werden? Sitzen wir damit in der Relativismusfalle und verharmlosen die Taten der Deutschen im 2. Weltkrieg? Handelt es sich um den Versuch des Reinwaschens? Seht her, auch wir haben gelitten, sind missbraucht und zerstört worden? Schlagen wir den eigentlichen Opfern des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges damit nicht erneut ins Gesicht?

Aber wie sollen wir das Grauen zeigen, wenn die menschlichen Gesichter dahinter verschwinden? Ohne menschliches Antlitz bleibt das Grauen abstrakt. Hannah Arendt hat mit ihrer Auseinandersetzung um die Banalität des Bösen, Christopher Browning oder Klaus Theweleit haben mit „Ganz normale Männer“ bzw. „Männerphantasien“ vor Jahren schon vorgemacht, wie es gelingen kann, gewöhnliche Menschen mit dem Morden zusammenzubringen. Der Schrecken wird dadurch nicht kleiner, ganz im Gegenteil.

Die Last des Schweigens
Es muss also möglich sein, die Seite der Täter in all ihren Facetten darzustellen, ohne zu relativieren. Auch wir Deutschen sind Opfer. Abgesehen von der Verrohung und Zerstörung, die in dem Dreiteiler gezeigt werden, von den vielen zivilen Opfern auch auf deutscher Seite, reicht der Verlust viel weiter und ist bis heute deutlich spürbar. Das jahrzehntelange Schweigen in den deutschen Familien, die Versteinerung der Menschen durch abgespaltene Schuld, die Vernichtung des vielfältigen kulturellen Lebens, die Vertreibung von Wissenschaft und Kunst. All das ist kein Alleinstellungsmerkmal, auch in den jüdischen Familien wurde jahrzehntelang geschwiegen, sind die Spuren der Zerstörung bis heute sichtbar und die Schmerzen groß. Noch immer zu groß, um sie auszuhalten? Aber welchen Sinn macht es Schmerzen und Verlust gegeneinander aufzurechnen? Natürlich kann es keinen Vergleich geben zwischen den schrecklichen Folgen unserer Taten für die Millionen von Opfern. Nichts macht uns gleich in Fragen von Schuld und Ursache, aber zu erkennen, dass Vernichtungskrieg und Shoah Folgen für alle hat, weil es auf allen Seiten, an allen Fronten, in allen politischen Lagern, egal ob kaltblütiger Massenmörder oder Juden in den deutschen Vernichtungslagern Menschen waren. Und Menschen müssen reden, müssen sich zeigen dürfen mit all ihren grausamen wie schönen Seiten. Erst wenn das möglich ist, wenn wir es schaffen, Ambivalenzen auszuhalten und Empathie für Menschen zu entwickeln, die sich schuldig gemacht haben, entwickeln wir die Fähigkeit zu reagieren und zu agieren, wenn der fruchtbare Schoß sich mal wieder regt. Wehret den Anfängen! Ein Anfang ist gemacht. Geschwiegen haben wir lange genug!


Buchrezension: Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach

Ich komme nicht aus dem Ruhrpott, aber nach der Lektüre dieses Buches tut es mir ein bisschen Leid, dass das so ist. Die Sehnsucht der beiden Autoren nach ihrer Heimat ist in jedem Kapitel spürbar. Eine Sehnsucht, die man wohl nur nach etwas empfinden kann, was einem unwiederbringlich verloren gegangen ist. In jedem Kapitel beleuchten die beiden Autoren einen anderen Aspekt der Kultur und Geschichte des Ruhrpotts. In kurzweiligen, teils traurigen, oft hochkomischen und immer typisch Ruhrpott erscheinenden Geschichten dringt der Leser immer tiefer ein in die Lebenswelt der Ruhris. Sehr persönlich und gefühlvoll, aber immer auch mit dem distanzierten Blick des Fortgegangenen nehmen Konrad Lischka und Frank Patalong den Leser mit auf die Reise durch den Pott. Eine mitreißende Liebeserklärung.

Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach

Bleiverglasung in der Lohnhalle
CC BY-NC 2.0 by jazzlog


Ein Wort

Gleißend, aus der Mitte der Welt

Ein Wort im Mund zerfällt

Am Rand des Zungenbandes

Ein Schrei, dem Traum enteilt

PB21


Medien im Wandel der Zeit

Hab gerade in Als die Welt noch unterging von Frank Apunkt Schneider ein interessantes Zitat von Spex-Papst Diedrich Diederichsen gefunden. Als Reaktion auf die mediale Ignoranz und Hilflosigkeit in ihrem Versuch das Phänomen Punk und New Wave als Jugendbewegung zu erklären schreibt er Anfang der 1980er:

    kuh_piss

Wenn die Welt sich zu verändern droht und der letzte Rest von Wissen über dieselbe den Schreibern zwischen den Fingern zerrinnt, wird mit Vehemenz gegen das Neue angeschrieben. Eine der groteskesten Erscheinungen des deutschen Journalismus seit Kriegsende war das Zeit-Dossier (!) über die neue deutsche Welle von Franz Schöler. Da wurde jede Art deutschsprachiger Musik der letzten fünf Jahre zu einem Gebräu zusammengerührt. Dem dann auch noch […] der moralisierende Zeigefinger eines wagen Faschismusverdachts vorgehalten wird. […] Er kämpft um seine Existenz. Er hat keine Ahnung und muss nun all das, wovon er keine Ahnung hat, präventiv ausschalten.

Und nun ersetze Punk und neue deutsche Welle durch Digitalisierung, Filesharing oder Piraten.

Ich bin mir jetzt bloß nicht sicher, ob das nun ein Beispiel dafür ist, dass die Ablehnung und Ignoranz der klassischen Medien nur vorübergehend ist und am Ende alles gut wird, oder ob das Gegenteil der Fall und das Unverständnis eine Konstante ist, die immer wieder zu verschiedenen Themen und Zeiten um sich schlägt.


Urheberrechtsdebatte: Verhärtete Fronten

Copyright, Course Materials and YOU!
Urheberrecht: Komplexes Thema mit verhärteten Fronten. Wer löst den Knoten? Illustration: Giulia Forsythe
Lizenz: CC-BY-NC-SA Original: Flickr

Ich habe mal versucht, die aktuelle Urheberrechtsdebatte zusammenzufassen.
Veröffentlich auf der Homepage der Heinrich Böll Stiftung


Vortrag: „Der arabische Frühling“ von Stefan Urbach

Großartiger Vortrag von Stefan Urbach.
Wer das Lebensgefühl der Piraten verstehen will, wird hier ganz weit kommen.